|
Der Tunnel
des Eupalinos ist der Mittelteil einer beachtlichen Wasserleitung,
die in den Jahren um 550 v. Chr. zur Versorgung der Stadt Samos, dem
heutigen Pythagorion gebaut wurde.
Der Geschichtsschreiber
Herodot hat den Tunnel rund 100 Jahre nach seiner Fertigstellung
gesehen und voller Anerkennung beschrieben; es ist ausschließlich
seiner Nachricht zu verdanken, daß der Tunnel in der Neuzeit wieder
gesucht und im vergangenen Jahrhundert schließlich auch entdeckt
wurde. Im Jahre 1882 wurde von den Einheimischen dann ein erster
Versuch unternommen, die Leitung wieder in Gang zu setzen. Die
damaligen Bemühungen mußten jedoch bald aufgegeben werden und es
dauerte weitere 90 Jahre, bis der Tunnel schließlich durch das
Deutsche Archäologische Institut in den Jahren 1971 - 1973 wieder
vollständig freigeräumt und die Gesamtanlage auch erforscht werden
konnte.
Die antike Wasserleitung hat ihren Anfang jenseits
des Stadtmauerberges an einer Quelle im Dorf Agiades (heute
überbaut). Von dort führt sie auf einer Länge von 900 m unterirdisch
bis zum Nordabhang des Berges, durchquert in einem Tunnel von 1036 m
Länge den Bergrücken und verläuft weitere 500 m am Südabhang auf der
Stadtseite bis zu einem Brunnenhaus, von dem nur mehr die
Grundmauern erhalten sind.
Die gesamte Wasserleitung ist ein
technisches Meisterwerk ersten Ranges. Die ungeheure Leistung, die
der Bau dieser Anlage bedeutet, läßt sich am einfachsten mit
statistischen Zahlen würdigen: Für die Zuleitung mußten rund 1500 m³
gewachsener Fels ausgehoben werden, für den Tunnel mit dem Kanal
rund 5000 m³ und für die Stadtleitung nochmals 500 m³. Alle diese
Arbeiten wurden mit Hammer und Meißel durchgeführt, andere
Hilfsmittel waren nicht verfügbar. Wie lange die Bauzeit in Anspruch
nahm, läßt sich nur mehr mit Einschränkung ermitteln. Allein für die
Durchtunnelung des Berges, bei der vor Ort nur jeweils zwei Hauer
arbeiten konnten, müssen wenigstens acht Jahre angenommen werden, so
daß für die gesamten Rohbauarbeiten wohl gut zehn Jahre anzusetzen
sind. Nach Fertigstellung des Tunnels mußten mehrere Strecken von
insgesamt rund 165 m Länge wegen Einsturzgefahr mit einem soliden
Mauerwerk ausgebaut werden (so zum Beispiel am Südeingang), später
wurden auf weiteren 100 m ähnliche Stabilisierungsmaßnahmen
nötig.
Der Betrieb der Leitung war nicht weniger aufwendig:
Das Wasser wurde in Tonröhren geleitet, von denen 4000 Stück auf der
Drehscheibe hergestellt, gebrannt, transportiert und im Kanal
sorgfältig verlegt werden mußten. Da das Quellwasser sehr kalkhaltig
war, waren die Rohre bald mit Sinter verschlossen und mußten auf
ihrer ganzen Länge aufgeschlitzt und gereinigt werden. Neben diesen
natürlichen Ablagerungen mußten Unmengen von Lehm beseitigt werden,
die durch schadhafte Stellen der Zuleitung immer wieder
eingeschwemmt wurden. Insgesamt war die Leitung mehr als 1000 Jahre
im Betrieb, bis sie im 7. Jahrhundert n. Chr. vernachlässigt wurde,
bis schließlich kein Wasser mehr fließen konnte und auch die
Eingänge, die letzten oberirdischen Hinweise auf die Leitung,
verschüttet waren.
Am meisten Aufmerksamkeit erregte
verständlicherweise seit je der Mittelteil der Wasserleitung, eben
jener Tunnel, der den Stadtmauerberg durchquert. Der Tunnel liegt
auf rund 55 m Höhe über dem Meeresspiegel und damit rund 180 m unter
dem Gipfel. Er hat einen durchschnittlichen Querschnitt von 1,80 m
auf 1,80 m und verläuft mit geringen Abweichungen waagerecht. An
seiner Ostseite ist der Leitungskanal eingetieft, der auch das
notwendige Gefälle aufweist. Dieser Kanal hat am Nordeingang des
Tunnels bereits eine Tiefe von knapp 4 m und erreicht am Südausgang
über 8 m. Zu erklären ist diese enorme Tiefe damit, daß sich beim
Bau der Leitung der Quellpegel verändert hat und der Kanal deshalb
tiefer gelegt werden mußte. Um diese Mehrarbeit so ökonomisch wie
möglich zu bewältigen, wurde der endgültige Kanal abschnittsweise in
einem eigenen Tunnel geführt.
Höchste Bewunderung gebührt dem
Baumeister Eupalinos aber für die Art und Weise, mit der er die
Vermessung des Tunnels gemeistert hat. Der Tunnel ist immerhin 1036
m lang und eindeutig von beiden Seiten gleichzeitig vorgetrieben
worden. Bevor mit den Aushubarbeiten begonnen werden konnte, mußten
folglich die Niveaus der Eingänge bestimmt und vor allem die
Vortriebsrichtung festgelegt werden. Beides geschah mit einfachsten
Meßgeräten - mit Fluchtstangen über den Bergkamm und mit waagrechten
Peilungen um den Berg herum -, und in beiden Fällen wurde auch ein
Höchstmaß an Genauigkeit erreicht. Die Linienführung des Tunnels ist
bemerkenswerterweise nicht geradlinig, sondern weist mehrere
Abknickungen auf, die zum Teil Bestandteil des Konzeptes sind und
notwendig waren, um ein Zusammentreffen der beiden Stollen zu
gewährleisten, zum andern Teil aber vorgenommen werden mußten, um
gefährliche Zonen in Bergesinnere zu umgehen. Die Entschlüsselung
der so entstandenen Tunneltrasse erwies sich als äußerst kompliziert
und war nur zu erreichen dank der zahlreichen originalen Meßmarken,
die auch heute noch an den Tunnelwänden zu beobachten
sind.
Alles in allem ist der Tunnel des Eupalinos eine
ingenieurtechnische Meisterleistung, die erst in der Neuzeit
ihresgleichen gefunden hat.
|