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Die herausragende Bedeutung der Insel Samos in der Geschichte Griechenlands geht nicht nur aus den antiken Quellen hervor, sondern wurde auch in eindrucksvoller Weise durch die nun fast 100 Jahre währende Arbeit von Forschern und Ausgräbern belegt1).
Wir wissen heute, daß die Insel schon in der Frühzeit eine wichtige Station für den Handel mit dem Orient war, und daß sie dank
ihrer günstigen Lage gerade wegen des Seehandels in historischer Zeit ihre besondere Stellung erreichte. Die Besiedlung der Insel konzentrierte sich auf die Südseite, besonders auf die Südost-Ecke, wo sich die Hauptstadt rings um ein natürliches Hafenbecken entwickelte. Eine einzigartige Hochblüte erlebte die Stadt Samos in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts unter dem Tyrannen Polykrates, der es verstand, mit seiner Flotte einen sagenhaften Reichtum anzusammeln. Um den Ruhm zu
bezeugen, den die Samier damals genossen, genügt es, Herodot zu zitieren, der etwa eine Generation nach dem Tode des Polykrates die Geschichte Griechenlands niederschrieb und darin (III 60) berichtet, daß die Samier die gewaltigsten Bauwerke geschaffen hätten, die sich in ganz Hellas befinden. Drei Bauwerke sind es, für die er diesen Superlativ verwendet:
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Der Tunnel des Eupalinos,
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ein Damm, der zum Schutz des lebenswichtigen Hafens gebaut wurde,
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und der große Tempel im Hera-Heiligtum.
Herodot nennt den Tunnel wohl nicht zufällig an erster Stelle seiner Aufzählung, er beschreibt ihn kurz und überliefert uns auch den Namen seines Baumeisters: Eupalinos, Sohn des Naustrophos aus Megara. Trotz der Bewunderung, die das Werk bei Herodot hervorruft, bleibt das bis in unsere Zeit der einzige Hinweis auf dieses Monument. Keiner der Wissenschaftler, die sich seit der Wiederentdeckung
mit dem Tunnel beschäftigten, unterließ es deshalb, dieses Herodot-Zitat zu erwähnen; mit Recht, denn ohne seine Überlieferung wäre dieses Monument mit Sicherheit für immer unter dem Boden verschwunden geblieben.
Wie wir aus der Entdeckungsgeschichte wissen, waren beide Tunneleingänge verschüttet und v. Guerin, der sich 1853 als Erster mit Erfolg auf die Suche machte, konnte nur etwa 400 m der außerhalb des Berges liegenden Wasserleitung entdecken. Ausgangspunkt war für ihn dabei die Quelle, die auch heute noch Wasser in reichen Maße spendet. Die weiteren Forschungen wurden dann von den
Einheimischen selbst vorangetrieben, die in der Freilegung des Tunnels eine Möglichkeit sahen, das Wasser dieser Quelle wieder - wie in alten Zeiten - in die Stadt zu leiten. Wegen der immensen technischen Schwierigkeiten wurde dieses Unternehmen jedoch bald wieder aufgegeben. Immerhin genügten diese Arbeiten, um den Tunnel der Vergessenheit zu entreißen und ihn einer ersten Untersuchung zugänglich zu machen, die Ernst Fabricius im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts
im Jahre 1884 dann vornahm.

Seit der Bekanntgabe seiner Arbeit2) (Abb. 1) ist der Tunnel des Eupalinos fester Bestandteil der Forschung
geworden. Kein Handbuch der Geschichte der Technik, keine Abhandlung über die Anfänge der Naturwissenschaften unterläßt
es, auf dieses beispiellose Ingenieurbauwerk einzugehen. Allen diesen Abhandlungen liegt der Bericht von Fabricius zugrunde und erst in neuerer Zeit versuchte
W. Kastenbein mit markscheiderischen Methoden der Vermessungstechnik des Eupalinos auf die Spur zu kommen3). Auf eine völlig neue Grundlage wurde die Erforschung des Tunnels jedoch gestellt, seit Ulf Jantzen im Rahmen seiner Arbeiten auf Samos den Tunnel des Eupalinos freilegen ließ. Die Ausgrabungen erbrachten eine Menge
von Ergebnissen, die für die Geschichte der Staat von höchster Bedeutung sind, vor allem aber schufen sie die Voraussetzung füreine exakte Planaufnahme und eine endgültige
Erforschung des Tunnels4).
Schon dem Bericht Herodot können wir entnehmen, daß der Tunnel Kernstück einer groß angelegten Wasserleitung ist, die Samos mit Frischwasser versorgen sollte. Samos teilte das Schicksal so mancher Stadt der archaischen Zeit, deren Wasserversorgung mit Brunnen und Zisternen nicht mehr ausreichte5).
Ein besonderes Problem stellte sich jedoch in Samos, da die einzige ergiebige Quelle jenseits des Stadtmauerberges war, also nicht nur außerhalb des Mauerrings sondern auch jenseits der einschließenden Höhenrücken. Eine Wasserleitung konnte folglich nur um den Berg herumführen oder- durch den Berg hindurch. Polykrates hat sich offensichtlich für die spektakulärere Lösung
entschieden. Grund für seine Wahl mag eine strategische Überlegung gewesen sein - die Wasserleitung mußte unbedingt vor Feinden sicher bleiben - es darf aber meines Erachtens nicht übersehen werden, daß dieser Entschluß gut zu den anderen megalomanen Unternehmungen dieses Herrschers paßt.
Für uns stellt sich die Gesamtanlage heute folgendermaßen dar (Abb. 2): Jenseits des Stadtmauerberges entspringt etwa 52 m über NN eine wasserreiche Quelle; die antike Leitung führt von da an in einem unterirdischen Kanal an den Fuß des
Berges. Der Berg selbst wird durch den rund 1040
m langen Tunnel durchquert und am diesseitigen Berghang führt dann wieder ein unterirdischer Kanal zur Stadt. Ein Schlußpunkt der Leitung, wohl ein ansehnliches Brunnenhaus, wurde noch nicht gefunden.
Die Leitung außerhalb des Berges:
Die Quelle, der Ausgangspunkt der ganzen Anlage, entspringt in einem fruchtbaren Tal, das sich nördlich des Stadtmauerberges ausbreitet. Um das Wasser vollständig der Leitung zuführen zu können, ist sie gefaßt in einem Quellhaus, auf dem heute das Kirchlein des Hl. Johannes errichtet ist, das aber ursprünglich sicher mit einer Erdschüttung abgedeckt war, wie die massive
Pfeilerkonstruktion erkennen laßt - das Ganze durfte nach Abschluß der Arbeiten nicht mehr sichtbar sein.
Aus den gleichen Sicherheitsgründen durfte die Leitung natürlich auch nicht offen liegen, und so mußten oberirdische Bauten, wie Aquädukte oder Dammanlagen, die die direkte Verbindung von Tunnel und Quelle erfordert hätte, vermieden werden. Die Leitung folgt deshalb etwa der 58 m-Höhenlinie und unterquert in großen Schleifen zwei Bachbette, in denen sich im Winter die
Wasser vom Nordabhang des Stadtmauerberges sammeln. Die Länge dieses Abschnitts beträgt somit 890 m statt 370 m der direkten Verbindung. Ein Großteil dieser Leitung wurde als offener Kanal gebaut, der ausgehoben und nach Fertigstellung wieder abgedeckt wurde (Abb. 3), und nur die letzten 190 m - die Leitung führt dabei unter einen Hügel hindurch - wurden
getunnelt. Man verfuhr dabei nach der geläufigen Methode: Im Abstand von 30 - 50 m wurde ein Abstiegschacht ausgehoben und die beiden Schächte dann unterirdisch miteinander verbunden. Abgesehen von einem Nivellement waren dabei keine großen Messungen erforderlich, da bereits ein grobes Peilen bei diesen kurzen Distanzen zu einem Ergebnis fuhren muß. Problematisch ist diese Methode allerdings hinsichtlich des Arbeitsaufwandes, da der Abtransport des Aushubs nur nach oben durch die Steigschächte
erfolgen kann6). Um dieses äußerst mühsame Verfahren zu umgehen - die Schächte sind in Samos bis zu 19 m tief -, bohrte man kurzerhand einen Querstollen, der sich zu einer Schlucht hin öffnet, und durch den dann der Aushub entfernt wurde.
Die Untersuchungen an der stadtseitigen Leitung haben gezeigt, daß der Kanal dort in der ganzen Lange von rund 500 m in diesem Quanat-Verfahren angelegt ist. Als vorläufiger Schlußpunkt der Leitung wurde etwa auf Höhe des antiken Theaters ein Verteilerbecken freigelegt.
Der Tunnel
Vom Gesichtspunkt des Arbeitsaufwandes und der technischem Schwierigkeiten ist der Tunnel als Hauptproblem der ganzen Wasserleitung zu betrachten: Er durchquert den Berg in einer Höhe von ca. 55 m über NN in einer Richtung, die etwa 25° von Norden abweicht. Seine Länge beträgt rund 1040 m, seine Querschnittsmaße durchschnittlich 1,80 x 1,80 m. Der Tunnel wurde mit dem Spitzhammer
aus dem harten Kalkstein geschlagen, und um die Erbauungszeit zu verkürzen oder - richtiger - zu halbieren, wurde er von beiden Seiten vorangetrieben.
Vor Ort konnten jeweils nur zwei Hauer arbeiten, die sich natürlich mehrmals am Tage abwechselten, so daß ununterbrochen gearbeitet wurde. Der pro Tag anfallende Aushub war nur geringfügig und konnte leicht beseitigt werden. Wir nehmen an, daß die Arbeiten bis zur Fertigstellung des Tunnelstollens etwa 10 Jahre in Anspruch nahmen.
  Abgesehen von kleinen Abweichungen verläuft der Tunnel waagerecht, und um überhaupt als Wasserleitung funktionieren
zu können, wurde in einem zweiten Arbeitsgang - also nach Fertigstellung der Tunnelröhre - eine Rinne mit dem nötigen Gefälle eingetieft (Abb. 4). Diese Rinne nimmt etwa die halbe Tunnelbreite ein; sie hat am Nordeingang eine Tiefe von rund 3,50 m und erreicht am Südausgang 8,50 m. Insgesamt hat diese Rinne somit ein Gefälle von 5 m auf l040 m, was einem Gefälle
von 5 ‰ entspricht. Dem Arbeitsvolumen nach war dieser Kanal ähnlich aufwendig wie der Tunnel selbst; er konnte
jedoch in wesentlich kürzerer Zeit fertig gestellt werden, da jetzt ja ungleich mehr Arbeiter zum Einsatz gebracht werden konnten. Dieser Kanal ist durchgehend bis auf eine Tiefe von etwa 5,50 m ausgehoben, die tieferen Abschnitte dagegen wurden aus Gründen der Arbeitsersparnis und -erleichterung nur mehr streckenweise als offener Kanal ausgeschachtet, die stehengelassenen Felsbänke wurden auf dem entsprechenden Niveau untertunnelt. Am Fuße des Kanals wurde eine Leitung aus Tonröhren
verlegt, die zur besseren Lagerung und genauen Höhenjustierung in eine feine Splittschüttung eingebettet ist.
 Ausbauten und Instandhaltung
Soweit sich feststellen läßt, funktionierte die Wasserleitung insgesamt etwa 1000 Jahre, wobei freilich unbekannt bleibt, ob mit oder ohne längere Unterbrechung. Um die Leitung in Betrieb zu halten, waren allerdings aufwendige Maßnahmen vonnöten: Gleich nach der Fertigstellung des Tunnels waren beträchtliche Abschnitte durch Ausbauten abzusichern, im Süden etwa 15 m im
unmittelbaren Bereich des Eingangs, im Norden zwei Strecken von insgesamt 154 m Länge. Bei den Ausbauten, die gefährdete Tunnelabschnitte sichern sollten, scheute man keinen Aufwand: Entsprechend dem zur Verfügung stehenden Gestein ist der Tunnel im Süden mit einem sorgfältig geschichteten Polygonalmauerwerk ausgebaut, während im Norden das dort anstehende plattig gelagerte Steinmaterial verwendet wurde. Die Mühe, die man für diese Ausbauten aufwandte, zeigt sich nicht
nur in der formalen Ausführung, sondern schon allein an der Größe des verwendeten Steinmaterials, das ja von draußen in den Tunnel geschleppt werden mußte. Man muß davon ausgehen, daß in den Abschnitten, die einen Ausbau erforderten, der Fels sehr brüchig war, und daß nicht nur die Decke selbst, sondern auch - nach Eintiefen des Kanals - der Gehweg stark eingebrochen war. Zur Abdeckung des Kanals, die ja zugleich auch Fundament für eine Seite des Ausbaus
sein mußte, wurden deshalb Blöcke von draußen in den Tunnel gebracht mit Ausmaßen bis zu 60x80x120 cm! Ähnlich große Blöcke wurden als Eckpfeiler an den Enden der Ausbauten versetzt. Besonders beeindruckend aber ist der obere Abschluß der Ausbauten. Er besteht sowohl im Süden als auch in Norden aus zwei aneinander gelehnten Platten von ca. 20-30 cm Stärke. Im nördlichen Abschnitt sind die geraden Bruchflächen zusätzlich leicht ausgearbeitet,
so daß die Konstruktion einen Spitzbogen ergibt. Hervorzuheben ist dabei, daß dieser Spitzbogen direkt unter die Felsdecke gepaßt ist - also nicht mit eines freien Luftraum gebaut, der nachträglich wieder aufgefüllt wurde -, so daß man sich kaum vorstellen kann, wie diese Blöcke überhaupt versetzt wurden (Abb. 5).
 Diese archaischen Ausbauten wurden an Stellen errichtet, die wohl schon beim Tunnelvortrieb als einsturzgefährdet erkannt worden waren und zunächst vielleicht provisorisch mit Holz abgestützt waren. Im Laufe
der Zeit wurden jedoch noch weitere Abschnitte als gefährlich erachtet und ebenfalls ausgebaut. Der Konstruktion nach zu urteilen handelt es sich um eine Maßnahme aus römischer
Zeit; dieser spätere Ausbau besteht nämlich aus einem kleinsteinigen Mörtelmauerwerk, das mit einem halbkreisförmigen Tonnengewölbe abgeschlossen wird (Abb. 6). Interessant an diesem Ausbau ist weniger die Konstruktion - sie ist uns von vielen römischen Wasserleitungen in gleicher oder ähnlicher Form bekannt - als vielmehr die Abdeckung des Kanals: An Stellen, wo
die Kanalwandung als stabil erachtet wurde, und somit nur ein Fundament für den Tunnelausbau geschaffen
werden mußte, wurde der Kanal einfach mit einem Tonnengewölbe überspannt - gleich dem Ausbau selbst. An Abschnitten aber, wo auch die Kanalwandung brüchig war, stellte sich das Problem ungleich schwieriger. Da eine Bogenkonstruktion keinen richtigen Halt gefunden hätte, wurde hier der Kanal mit dicken Steinplatten abgedeckt, und um auch die Wandungen des Kanals zu stabilisieren, wurde in einem Abstand von ca. 2 m eine keilförmige Platte von oben her eingespreizt (Abb. 6).
 Neben diesen Ausbauten, die nur die Sicherung des Tunnels gewährleisteten, bedurfte auch die Wasserleitung einer entsprechenden Wartung. Wir dürfen davon ausgehen, daß das Wasserseit Inbetriebnahme der Leitung in Tonröhren floß. Die vorgefundenen Röhren entsprechen in Größe
und Form denen anderer archaischer Leitungen7), so daß ein nachträglichesVerlegen
ausgeschlossen werden darf. Es handelt sich um sorgfältig gearbeitete Rohre aus hellrotem Ton von gutem Brand,
mit glatter Oberfläche. Ihre Länge beträgt zwischen 71 und 73 cm, der innere Durchmesser etwa 25,5 cm (Abb. 7). Sie sind wie üblich durch Muffen miteinander verbunden und mit Kalkmörtel abgedichtet.
 Fast jedes Quellwasser ist kalkhaltig und beim Fließen wird dieser Kalk als Sinter abgelagert, so auch bei der samischen Leitung. Diese Ablagerung hängt ab von der Intensität des Kalkgehaltes, von der Wassermenge
und von der Fließgeschwindigkeit - Faktoren, die nur mehr bedingt rekonstruierbar sind, so daß auch nicht genau bestimmt werden kann, wie lange es dauerte, bis
der Rohrquerschnitt durch diese Ablagerungen verstopft war. Der Befund zeigt jedenfalls, daß die Säuberung der Leitung vernachlässigt worden war, bis man keine andere Lösung mehr wußte, als die Rohre der Länge nach aufzuschlitzen, so daß bei der Ausgrabung nur mehr der 3/4 Querschnitt vorgefunden wurde (Abb. 8). Neben diesen Sinterablagerungen, die offensichtlich
auch nach dieser Maßnahme noch mehrfach zu beseitigen waren, mußten auch Lehmeinschwemmungen
ausgeräumt werden. Diese Einschwemmungen, die nur möglich sind, wenn man einen Bruch in der Zuleitung voraussetzt, sind meines Erachtens ein Hinweis für eine längere Vernachlässigung der Leitung. Die ungeheuren Lehmmassen sind andernfalls kaum erklärbar. Wohl aus Transportschwierigkeiten hat man es vorgezogen, diesen Lehm nicht nach draußen zu befördern, sondern hat ihn kurzerhand im Tunnel aufgestapelt. Der Platz, der zunächst zur Verfügung stand, nämlich
die stehengelassenen Felsbänke, reichte jedoch nicht aus und man war gezwungen, durch Abdeckung des offenen Kanals zusätzlichen Stapelplatz zu gewinnen. Zu diesem Zweck wurden Schichtplatten in den Tunnel gebracht, die einfach schräg über den Kanal gelegt wurden und so eine brauchbare Ablage darstellten. Auch wenn sich diese Einschwemmungen naturgemäß auf die nördliche Hälfte des Tunnels konzentrierten, waren ihre Massen doch sehr beträchtlich - über etwa
200 m war der Tunnelquerschnitt mehr als zur Hälfte mit Lehm voll gepackt - und wie mühsam ihre Entfernung aus dem engen und tiefen Kanal ist, hat sich bei unseren Arbeiten gezeigt.
Der Aufwand, der zur Instandhaltung der ganzen Anlage vonnöten war, sieht in dieser kurzen Darstellung immens aus. Man muß sich jedoch vor Augen halten, daß die Leitung etwa 1000 Jahre lang die Stadt mit Wasser versorgte, bis sie in byzantinischer Zeit ihrem Schicksal überlassen wurde und immer mehr einschwemmte. Die jetzige Freilegung zeigte, daß der Tunnel im 7. Jahrhundert
während der Arabereinfälle als Fluchtversteck benutzt wurde und daß damals die Wasserleitung bereits nicht mehr in Betrieb war. Offensichtlich war die Einschwemmung des Kanals soweit fortgeschritten, daß das Wasser nicht mehr fließen konnte.
Die Planung des Tunnels
Über die archäologischen Ergebnisse hinaus ist vor allem die Anlage des Tunnels selbst von Interesse. Immerhin haben wir einen Tunnel von l040 m Länge vor uns - aus archaischer Zeit -, der von zwei Seiten vorangetrieben wurde. Welche Möglichkeiten hatte der Baumeister Eupalinos, dieses vermessungstechnische Problem zu lösen?
Für die Führung des Tunnels waren drei Faktoren ausschlaggebend: Die Lage der Quelle, die topographische Gesamtsituation und die Vermessungsmethode.
Eupalinos' Ausgangsidee war es offensichtlich, die Richtung des Tunnels mit Fluchtstäben über den Berg hinweg abzustecken und diese Gerade ins Bergesinnere zu übertragen. Eine Gerade läßt sich nach aller Erfahrung um so exakter abstecken, je gleichmäßiger der Geländeverlauf ist. Scharfe Bergkanten jedenfalls sind kaum ohne Abweichung zu überwinden. Stellt
man nun zur Bedingung, daß der Tunnel nicht unnötig lang werden und auf jeden Fall innerhalb der Stadtmauer münden soll, wird deutlich, daß nur eine Möglichkeit bleibt: Bereits auf dem Plan (Abb. 2), vor allem aber an Ort und Stelle, läßt sich leicht feststellen, daß nur die gewählte Trasse die Bedingungen optimal
erfüllt. Sie führt westlich vom kritischen Gipfelpunkt über den Bergrücken hinweg, dort wo kein scharfer Geländeknick mehr vorkommt.
Nachdem die Gerade abgesteckt war, galt es, das Niveau der beiden Eingänge zu bestimmen. Wir dürfen annehmen, daß Eupalinos sich dabei eines chorobatis bedient hat, einer Art überdimensionaler Wasserwaage, die uns von Vitruv als Nivelliergerät der Antike überliefert ist. Bedenkt man, daß Eupalinos dabei über den Bergkamm hinweg oder - weniger wahrscheinlich
- um den ganzen Berg herum peilen mußte, wurde eine erstaunliche Genauigkeit erreicht: Die beiden Eingänge differieren nur um ½ m, sind also praktisch niveaugleich.
 Nach der Festlegung der Eingänge konnte mit dem Vortrieb begonnen werden. Die über den Berg abgesteckte Gerade wurde für die Richtung des Tunnels maßgebend. Der Hauer vor Ort brauchte sich nur in dieMitte des Stollens zu stellen und konnte rückwärts peilend die Richtung genau kontrollieren.
Sobald der Tunnel eine Tiefe erreicht hatte, die eine unmittelbare Kontrolle an
den Fluchtstangen ausschloß - weil sie einfach nicht mehr sichtbar waren - genügte auch der Lichtstrahl des Tageslichtes. Denn mit wachsender Länge einer Röhre läßt sich um so exakter jede Richtungsabweichung registrieren. Wir können an einer Stelle in der südlichen Hälfte des Tunnels, ca. 200 m vom Eingang entfernt, den Vorgang studieren. Die Arbeiter waren hier zu weit nach Westen geraten und die Korrektur dieser Abweichung allein reichte in diesem Falle nicht
mehr aus, da der Knick in der Ostwand den Blick nach draußen versperrte. Folglich mußte die Ausbauchung nachträglich soweit abgearbeitet werden, bis der Lichtstrahl wieder sichtbar wurde (Abb. 9). Diese Stelle mit der nachträglichen Korrektur veranschaulicht nicht nur sehr gut das Problem, sondern darf zugleich als Beweis für die Anwendung dieser Methode gelten.
Bei horizontales Vortrieb, was offensichtlich keine Schwierigkeiten bereitete, wäre nach dem bisher Gesagten die Aufgabe auf ziemlich harmlose Weise gelöst. Ein Blick auf den neuen Plan (Abb. 2) zeigt jedoch, daß dieses Verfahren zwar im
Südstollen Anwendung fand - bis auf einen kleinen Knick kurz vor Treffpunkt geht dieser Teil des Tunnels völlig geradlinig den Berg - aber nicht im Nordstollen. Auch hier haben wir zunächst auf etwa 200 m eine tadellose Gerade, die übrigens Verlängerung ziemlich genau auf den Südstollen träfe, von da an aber weist die Trasse mehrere Abknickungen auf: Der Tunnel weicht zunächst nach Osten aus, biegt wieder nach Westen um, überquert weit die Ideallinie, führt dann
wieder nach Osten zurück bis zu einem Abschnitt, der parallel zur Ideallinie verläuft, und trifft schließlich in einem Bogen auf den
Südstollen. Die größte Stichhöhe der Abweichung beträgt fast 30 m und es ist offensichtlich, daß hier nicht mehr Zufälligkeiten verantwortlich sind, sondern ein Entwurf, der meines Erachtens deutlich zeigt, daß Eupalinos in der Lage war, auf einem Plan genau zu kontrollieren, wo er sich gerade im Bergesinnern befand.
Im Gegensatz zum Plan von Fabricius, auf dem verständlicherweise weder die Abknickungen noch deren Systematik festgehalten ist, läßt der jetzt vorliegende genaue Grundriß erkennen, daß die Gesamtplanung des Tunnels so einfach nicht war. Auch wenn dem Entwurf zunächst eine sehr simple Idee zugrunde lag, wurde bei Ausführung wesentlich komplizierter vorgegangen.
Dabei ist bislang unklar, ob die Abknickungen der Trasse das Ergebnis einer Planänderung sind - erzwungen aus welchen Gründen auch er - oder ob sie von vornherein ein fester Bestandteil des Entwurfes waren.
Meßmarken
Bei der Untersuchung des Tunnels wurde eine beträchtliche Anzahl von Markierungen entdeckt, die für die Entschlüsselung des Entwurfs und des vermessungstechnischen Verfahrens von höchster Bedeutung sind. Wir haben damit nämlich zur Beurteilung nicht mehr allein die Anlage als solche, sondern darüber hinaus originäre Hinweise des Baumeisters selbst, die, falls
ihre Bedeutung entziffert werden kann, Einblick in den Planungsvorgang geben werden. Die Meßmarken sind ausschließlich mit Rötelfarbe auf den rohen Fels aufgemalt und haben sich teilweise noch sehr gut erhalten. Entsprechend den beiden grundlegenden Meßvorgängen - Bestimmung von Höhe und Länge - lassen sich zwei Gruppen unterscheiden.
Längenmessung :
Alle Markierungen, die irgendeine Längenmessung dokumentieren, sind mit einem kräftigen Pinselstrich von max. 8 cm Stärke auf die Felswand aufgetragen. Sie sind mit Buchstaben gekennzeichnet, die eine alphabetische Reihenfolge ergeben oder auch einfach wiederholt werden. Durch die regelmäßigen Abstände untereinander sind sie als Längenmarkierungen zu erkennen. Da
wir davon ausgehen müssen, daß die Messung selbst nicht an der Wand durchgeführt wurde, sondern wohl mit Hilfe einer Meßschnur in der Ideallinie des Tunnels, sind die kleinen Längenunterschiede, die bei jedem System feststellbar sind, von untergeordneter Bedeutung. Fünf verschiedene Meßsysteme konnten bisher erkannt werden.
System 1 ist an der Ostwand aufgetragen. Es ist gekennzeichnet durch einen dicken senkrechten Strich, an dessen unterem Ende ein Buchstabe als Zählzeichen steht. Links neben dem Strich ist in linksläufiger Schrift jeweils ein Name geschrieben. Der Nullpunkt liegt beim Südausgang, im Abstand von durchschnittlich 62,95 m folgen die Buchstaben A bis K. Etwa mittig zwischen den einzelnen
Meßmarken
ist der Zählbuchstabe noch mal wiederholt, jedoch ohne Strich oder sonstige Zusätze. Die Markierungen dieses Systems sind durchweg gut erhalten. Wegen ihrer Großflächigkeit waren sie auch der Ausgangspunkt für unsere Entdeckungen8).
System 2 befindet sich an der Westwand. Auch hier sind die Abstände mit einem dicken senkrechten Strich markiert, der Zählbuchstabe ist wahlweise rechts oder links unmittelbar daneben aufgetragen; die durchschnittliche Distanz der Striche beträgt 20,60 m. Als einziges weist dieses Meßsystem zwei Nullpunkte auf - einen beim Südeingang, den anderen beim Nordeingang - und mißt
jeweils von außen nach innen. Die Zählung beginnt in beiden Fällen mit dem Buchstaben I und reicht bis Π, setzt dann wieder mit I an und geht bis Σ. Das ganze System ist also nach der ,,milesischen Zählung" aufgebaut, die einzelnen Buchstaben bedeuten dabei je 10 Maßeinheiten9).
Der Nullpunkt von System 3 ist beim Nordeingang zu suchen. Erhalten sind von diesem System nur noch die Buchstaben Γ, Δ, Σ und C, die im Abstand von rund 125 m von Norden nach Süden durchzählen. Die Buchstaben sind ohne zusätzliche Meßmarken an der Ostwand aufgetragen.
Etwa um 3 m nach Norden verschoben verläuft parallel dazu System 4. Die Abschnitte sind jeweils mit dem Buchstaben M gekennzeichnet, dessen Bedeutung noch unklar ist. Die Meßrichtung dieses Systems ergibt sich allenfalls aus der Parallelität zu System 3.
Auch System 5 ist nicht nach dem Alphabet aufgebaut, vielmehr wechseln hier die Buchstaben K, KB und E ohne bestimmte Reihenfolge ab. Es ist auch das Meßsystem, dessen Abstände die größten Unterschiede aufweisen. Die Länge schwankt von 8,20 – 12,80 m, jedoch ist ein Mittelmaß von ca. 10,50 m deutlich erkennbar.
Interpretation :
Am leichtesten ist eine Interpretation für System 5 zu geben. Die betreffenden Markierungen befinden sich ausschließlich an Stellen, wo der Leitungskanal in seiner ganzen Tiefe ausgeschachtet ist, und nur bei wenigen Schächten fehlt eine solche Marke. Besonders deutlich wird der Zusammenhang von Markierung und Schacht, wo dieser nur sehr schmal ist. Da die Buchstaben immer
kombiniert sind mit einer waagerechten Nivellierlinie kommen 2 Möglichkeiten in Frage. Sie könnten ein Hinweis des Bauleiters sein, der hier den Schacht eintiefen ließ oder auch ein Zeichen, das erst nach der Fertigstellung des Kanals angebracht wurde und einen Fixpunkt des Nivellements angibt. Für die Buchstaben wäre folgende Deutung denkbar: K steht für κατα = hinunter; KB für καταβασις = Abstieg und E für ελενκος = Kontrolle.
Eine Deutung der anderen Systeme ist für die Vermessungsfrage von untergeordneter Bedeutung, wichtig scheint jedoch das System 2. Die endgültige Interpretation dieses Systems gibt es noch nicht, auch wenn bereits feststeht, daß es für die Planung des Tunnels am meisten aufschlußreich sein dürfte. Da es jeweils von außen nach innen zählt, also den Vertrieb der beiden
Stollen nachvollzieht, gehört es mit Sicherheit zum Erbauungsvorgang des Tunnels. Die Vielzahl der erhaltenen Markierungen - insgesamt sind noch 27 erkennbar - ermöglicht eine zuverlässige Vervollständigung des Systems auch über die Stellen hinaus, wo wir heute keine Markierungen mehr feststellen können. Wir sind so in der Lage, Anfangs- und Endpunkte der antiken Messung genau zu rekonstruieren. Der Gedanke, daß anhand dieses Systems der ganze Entwurf entschlüsselt werden
könnte, ist deshalb naheliegend. Allerdings können beim jetzigen Stand der Untersuchungen nur verschiedene Phänomene aufgezählt und zur Diskussion gestellt werden - ihre Deutung steht noch aus.
Auffallend ist zunächst, daß diese Meßmarken genau mit den Abknickungen der Tunneltrasse korrespondieren. Alle Knickpunkte fallen entweder mit einer Markierung zusammen oder befinden sich genau in der Mitte einer Meßeinheit. Besonders eklatant ist der Zusammenhang bei Σ (= 200), das genau an der Stelle aufgetragen ist, an der der Tunnel die stärkste Abweichung nach
Westen hat. Diese Tatsache unterstreicht die Bedeutung der Markierungen einerseits, beweist andererseits aber vor allem auch die Planmäßigkeit der Abknickungen.
Dazu kommt - was besonders bemerkenswert ist -, daß der Treffpunkt ziemlich genau da liegt, wo von Süden die 21ste Markierung zu erwarten ist und von Norden die 30ste. Der Durchstoß erfolgte also nicht irgendwo, sondern er paßt genau - mit oder ohne Absicht? - in das Meßsystem.
Von besonderer Problematik ist der Winkel, mit dem die Abknickungen jeweils ansetzen. Er mißt in allen Fällen rund 22° und entspricht ziemlich genau dem Gefällewinkel des Berghanges. Der Gedanke, daß ein Zusammenhang besteht zwischen Hangneigung und Tunnelgrundriß ist um so verführerischer, wenn man beachtet, daß die beiden großen Abweichungen im Nordstollen
offensichtlich der Fallinie des Geländes folgen und - was geradezu verblüffend ist - , daß der einzige Knickpunkt des Südstollens genau unter dem Scheitelpunkt des Bergrückens liegt und der erste Knick im Nordstollen genau da, wo die Krümmungslinie des Profils umschwenkt.
Abgesehen von diesen nicht zu leugnenden Koinzidenzen ist aber zu beachten, daß der verwendete Winkel äußerst leicht zu konstruieren ist - mit 22,50° entspricht er genau dem Viertel eines rechten Winkels und bei 21,80° ergibt das Tangensverhältnis gerade 1:2,5. Der Winkel könnte einerseits also die in die Ebene geklappte Hangneigung sein, andererseits aber genauso
gut - ohne diesen konkreten Bezug - einfach eine Größe, die für die damaligen geometrischen Kenntnisse leicht konstruierbar war. Der Lösung des Problems, warum Eupalinos überhaupt solche Abknickungen machte, sind wir mit diesen alternativen Überlegungen jedoch nicht näher gekommen. Fest steht, daß die Abknickungen der Tunneltrasse weder Zufall noch Versehen sind und daß Eupalinos in der Lage war, im Innern des Berges mit erstaunlicher Genauigkeit
Winkel zu messen. Die Beantwortung der Frage, warum er diese Winkel ansetzte, dürfte zugleich auch die Enträtselung des ganzen Entwurfes sein.
Höhenmessung :
Noch zahlreicher als die Längenmarkierungen sind Marken für die Höhenmessung. Sie sind ausschließlich an der Ostwand des Tunnels aufgetragen und insgesamt wurden rund 430 Nivellierlinien registriert. Zu beachten ist dabei jedoch, daß ein knappes Drittel der Gesamtlänge der östlichen Tunnelwandung heute hinter Ausbauten oder Lehmpackungen verborgen liegt und
somit einer Untersuchung entzogen ist. Die Intensität der Meßarbeit - vielleicht auch eine gewisse Unsicherheit - wird um so deutlicher, wenn man bedenkt, daß auf einen Meter Tunnellänge bis zu sechs Nivellierlinien aufgetragen sind, die sich aber keineswegs auf einem einheitlichen Niveau befinden, sondern auf eine Höhe von 1.30 m verteilt sind. Schon daraus wird ersichtlich, daß mehrere Meßketten durch den Tunnel nivelliert wurden. Hilfreich für die Unterscheidung
dieser Meßketten war dabei die Tatsache, daß insgesamt fünf verschiedene Markierungen verwendet wurden, wie sie nachstehend dargestellt sind.

Die Linien des Typs a, dicke Pinselstriche von durchschnittlich 20-25 cm Länge folgen in einer Höhe von rund 20 cm ziemlich genau dem Gehniveau des Tunnels und könnten Markierungen sein, an denen die jeweilige Aushubtiefe des Kanals gemessen wurde.
Diese Deutung kann freilich nicht recht befriedigen, da die Aushubtiefe natürlich auch an der Grabenkante selbst meßbar ist. Festzuhalten ist allerdings, daß diese Linien keine Waagerechte - auch bei noch so großzügiger Definition - und auch keine sonstige Gerade ergeben, sondern auch auf kleinster Distanz die Höhenschwankungen des Tunnels mitmachen10). Als echte Nivellierlinien
scheiden diese Markierungen also aus.
Dagegen sind die übrigen vier Typen schon durch ihre Form und die präzise Ausführung - der waagerechte Pinselstrich ist max. 1 cm stark und offensichtlich mit einem Lineal gezogen – als Höhenmeßmarken erkennbar. Die Entflechtung des Liniengewirrs erwies sich als äußerst kompliziert, und bislang konnte nur auf einer Teilstrecke ein Zusammenhang von Linien des Typs
d erkannt werden. Über eine Länge von rund 75 m markieren sie im mittleren Bereich des Nordstollens eine Gerade mit einem Gefälle von etwa 3 ‰. Die Tatsache, daß im betreffenden Abschnitt die Rohrleitung am Grund des Kanals genau das gleiche Gefälle aufweist11), zeigt hinreichend
die Zusammengehörigkeit von Messung und Rohrverlegung.
Es ist dies bislang das einzige konkrete Ergebnis der Auswertung der Nivellierlinien. Generell kann noch bemerkt werden, daß keine echte Linie festgestellt wurde, und daß auch keine Linie durch den Tunnel durchgeht. An mehreren Stellen ist zu sehen, daß das gesamte Linienbündel merkliche Versprünge macht, die wohl eine jeweilige Meßstrecke kennzeichnen. Die Distanz dieser
Versprünge könnte dabei die Sichtweite eines Peilgerätes oder auch die Länge einer Art Schlauchwaage (?) bedeuten.
Die Tatsache, daß die Nivellierlinien nur an der Ostwand zu finden sind, da wo auch der Kanal eingetieft wurde, und daß keine Waagerechte festzustellen ist, läßt vermuten, daß diese erst beim Eintiefen des Grabens oder - wahrscheinlicher - beim Verlegen der Rohrleitung angebracht wurden. Das würde bedeuten, daß wir keine Meßmarken haben, die das Nivellement
des Tunnels selbst dokumentieren. Dabei läßt sich nachweisen, daß gerade beim Stollenvortrieb sehr genau gemessen wurde:
Wir haben eingangs (s.o.) festgestellt, daß die beiden Tunnelmündungen praktisch niveaugleich liegen, im Süden auf 55,26 m, im Norden auf 55,83 m über NN. Wenn wir den Treffpunkt der beiden Stollen ausklammern und die Meßwerte etwa 30 m südlich und nördlich davon heranziehen, so läßt sich zeigen, daß die waagerechte offensichtlich exakt beibehalten
wurde. Das Niveau des Südstollens ist dort 55,17 m, das des Nordstollens 55,48 m. Es ist deshalb nicht ganz verständlich, warum Eupalinos - war es Unsicherheit ? - in dieser letzten Distanz die Höhe der beiden Stollen korrigierte, so daß beim Durchstoßpunkt jener oft zitierte Niveauunterschied von etwa 2 m entstehen konnte12)
So unverständlich diese Korrektur des Nivellements ist, so aufschlußreich ist sie für die Gesamtmessung des Tunnels. In beiden Stollenhälften ist der Ansatzpunkt dieser Höhenänderung genau feststellbar, im Süden 25 m, im Norden 27 m vom Treffpunkt entfernt. Wir haben damit den ersten sicheren Hinweis, daß in beiden Stollen bis zum Schluß gleichmäßig
weitergearbeitet wurde und - was von besonderer Bedeutung ist - daß bis zum Schluß gemessen wurde. Die These, daß Eupalinos sich in der Schlußphase seiner Arbeit allein auf sein Gehör verlassen hätte, ist damit hinfällig.
Seit der Untersuchung von E. Fabricius hat sich die Fachwelt mit dem Tunnel des Eupalinos auseinandergesetzt und ihm auch bald eine bedeutende Stelle in der „Erwachenden Wissenschaft“ eingeräumt. Bei der erst jetzt möglich gewordenen Erforschung hat sich gezeigt, daß wir bislang eine recht vage Kenntnis von diesem Monument hatten und daß alle Versuche, die vermessungstechnischen Probleme
des Tunnels zu lösen, auf einer Darstellung gründen, welche die eigentlichen Schwierigkeiten der Anlage noch gar nicht erfaßt.
In der vorliegenden Abhandlung sollten die neuen Ergebnisse in aller Kürze vorgetragen werden. Die Entwurfsidee, die der Anlage zugrunde liegt, ist noch nicht entschlüsselt. Die zahlreichen Meßmarken lassen jedoch auf eine Lösung hoffen. Jedenfalls ist schon beim jetzigen Stand der Auswertung zu erkennen, daß Eupalinos offensichtlich weit mehr Möglichkeiten hatte, dieses Unternehmen
zu meistern, und daß der Erfolg seiner Arbeit nicht von irgendwelchen Glücksfällen abhing.
Dr. Hermann Kienast
Deutsches Archäogisches Institut Athen, Odos Phidiou 1, Athen 142
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