Samos nach dem Brand  ·  Erste Einschätzung


Im Auftrag der Organisation Pangaea e.V. und der Uni Münster vom 07.08 - 14.08.2000 führten Wissenschaftler aus den Fachgebieten Geographie (G. Katsaros), M.A., Landschaftsökologie (Dipl.-Geogr. M. Remmert) und Landespflege (Dipl. Ing. J. Edenfeld) Untersuchungen in den Brandregionen auf der Insel Samos durch, um das Ausmaß der Brandkatastrophe objektiv zu erfassen und der Bevölkerung Hilfestellung anzubieten.
Neben den Geländearbeiten war die Kontaktaufnahme zur einheimischen Bevölkerung und zu den örtlichen Behörden ein wichtiger Bestandteil des Projektes, um auf diese Weise Informationen über die Brandentwicklung, die betroffenen Gebiete und die vor Ort geplanten Maßnahmen zu erhalten. Ein wesentlicher Punkt dieser Gespräche war auch eine Akzeptanz für eine konstruktive Zusammenarbeit zu schaffen.

Noch am Anreisetag wurden die am stärksten durch den Brand betroffenen Regionen im Süden der Insel, als auch um das durch den Brand zu Schaden gekommene Dorf Mavratzei und die Region südlich von Kokkari bis zum zerstörten Kloster Moni Vrontas in Begleitung eines ortskundigen Inselbewohners in Augenschein genommen.
Das vom Feuer betroffene Gebiet umfaßt den zentralen Bereich der Insel mit einer Nord-Süd-Erstreckung. Allerdings ist es nicht zum flächendeckenden Brand der ganzen Region gekommen, da während des Feuers sehr starke Winde geherrscht haben und somit die Flammen einige Bereiche übersprungen haben.


Die Situation auf der Insel:

Im Inselinneren ist ein großer Teil der zentralen Waldfläche im Ambelos Gebirge und im Süden die Region um Spatharei von den Bränden am stärksten betroffen.
Es sind sowohl landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Flächen als auch Wohnhäuser verbrannt. Dagegen sind die Küstenregionen, sowie der Westen und Osten der Insel völlig intakt und weiterhin für Touristen attraktiv.

Laubbäume, wie Platanen oder Steineichen, zeigen dagegen jetzt schon wieder vereinzelt frische Triebe. Hier besteht die Chance, daß sich die Vegetation mit Hilfe von flankierenden Maßnahmen wie z.B. Schutz vor Viehverbiss oder Rückschnitte großenteils selbst revitalisieren kann.
Am stärksten sind die forstwirtschaftlich genutzten Kiefernwälder, (Pinus brutia) und die geschützten Schwarzkiefern-Bestände (Pinus nigra) auf dem Karvounis betroffen, die sich von selbst nur schlecht regenerieren werden.
Auf diesen Standorten wird die natürliche Sukzession einsetzen, die sich über ein Krautstadium zu einem Vorwald bis zu einem Wald hin entwickeln wird. Dieser natürliche Prozess nimmt einen Zeitraum von ca. 100 - 120 Jahren ein, wenn die Entwicklung ungehindert fortschreiten kann, d.h. wenn keine neuen Brände oder Beweidung einsetzen.

Die Insel Samos liegt in einer sommerdürren Mittelmeerregion, die von Bränden natürlich bedroht ist. Das erkennt man auch schon an der Geschichte der Brände auf der Insel. So kam es immer wieder zu kleineren oder größeren Bränden auf der Insel, wie z.B. die Brände von 1983 und 1993. Auch in diesem Jahr hat es schon zuvor an einigen Stellen auf der Insel gebrannt, bevor es zu dem großen Brand im Juli kam. Das hier große Waldflächen betroffen sind ist im Vergleich zu anderen Bränden neu, denn bei früheren Bränden wurden überwiegend landwirtschaftliche Flächen betroffen. Hierdurch ergeben sich nun andere und weitreichendere Probleme als früher:

Ökologisch Probleme

  • Veränderung des Wasserhaushaltes (Grundwasserabsenkung und
    Überschwemmungsgefahr)
  • Gefahr der Bodenerosion auf einzelnen Flächen

Ökonomisch Probleme

  • Ernteeinbußen in der Landwirtschaft (Oliven und Wein)
  • Eine Region, die Wanderer angezogen hat ist in Mitleidenschaft gezogen worden, wodurch es zu Einbußen im Tourismus kommen kann.
  • Das Verhalten der Tourismusindustrie in den kommenden Jahren
  • Die Verluste in der Forstwirtschaft und der Holzindustrie sind noch nicht zu beziffern

Soziale Probleme

Die Brände haben eine Region betroffen, die nur spärliche Einnahmen aus der Land- und Forstwirtschaft und in den letzten Jahren auch aus dem Tourismus hatte. Es ist zu befürch-ten, daß letzterer Zuverdienst geringer oder sogar wegfallen wird. Die bereits seit den 90er Jahren rückläufige Bevölkerungszahl kann durch die Folgen des Feuers zunehmen und zur Migration der Bevölkerung in die Küstengebiete oder auf das Festland führen.

An Hand dieser kurzen Einführung kann man bereits erkennen wie bedeutend die Diskussion über Feuer und Brandschutz aus ökologisch, ökonomisch und sozialgeographischer Sicht ist.

Die Einschätzung zu dem derzeitigen Zeitpunkt, an dem noch nicht alle Daten ausgewertet wurden lautet:

Es sollte ein umfangreiches Hilfsprogramm für die Insel Samos initiiert werden, das sich in

  • kurzfristige Maßnahmen 0 - 1 Jahr
  • mittelfristige Maßnahmen 2 - 5 Jahre
  • langfristige Maßnahmen > 5 Jahre

gliedert.

Kurzfristige Maßnahmen können sein:

  • Materielle und finanzielle Soforthilfe für die betroffenen Dörfer und Landwirte seitens des griechischen Staates und der Europäischen Union.
  • Stärkung der Freiwilligen Feuerwehr durch Schulungen und bessere Ausrüstungen.
  • Erstellung und Verteilung von Kartenmaterial an die Siedlungen mit allen Wegen und Was-serzapfstellen für den Fall daß auswärtige Feuerwehren zur Hilfe kommen.
  • Hochwasserschutzmaßnahmen: Verbau von Wildbächen mit Baumstämmen um bei
    Starkniederschlägen Wasser zurückzuhalten und somit die Überschwemmungsgefahr zu reduzieren und die Grundwasserneubildung durch Versickerung zu fördern.
  • Nur in einzelnen Fällen müssen Maßnahmen zur Vermeidung von Bodenerosion ergriffen werden. Insbesondere dort wo sich die Brandgebiete mit denen älterer Brände überschneiden, ist fast kein Pflanzenmaterial mehr vorhanden, welches den Boden vor Erosion schützen könnte. Auf diesen Flächen (u.a. um Spatharei und SW von Mytilini) sollten Querriegel aus vorhandenem Material (Lesesteine oder Baumstämme) hangparallel im Abstand von etwa 50 m aufgebaut werden. Eine weitere Maßnahme ist die Kontrolle und ggf. Ausbesserung der bestehenden Terrassenmauern.
  • Zeitweiliger Verbot von Beweidung
  • Aufklärung der Touristen über die Gefahren von Waldbränden und aufzeigen von
    vorbeugenden Maßnahmen (Info-Flyer)
  • Gründung einer Forstbaumschule, damit bei Aufpflanzungen autochthones Pflanzgut zur Verfügung steht. (Derzeit wird der gesammelte Samen nach Athen gebracht)
  • Vegetationskartierung der Brandflächen im kommenden Frühjahr um eine Einschätzung der Vitalität der Flächen zu bekommen (als Grundlage für Aufforstungsmaßnahmen).

Mittelfristige Maßnahmen können sein:

  • Um die Landwirtschaft wieder profitabel betreiben zu können, kann ein 'Qualitätslabel Samos' für die Erzeugnisse der Insel gegründet werden.
  • Förderung der Umweltbildung auf der Insel z.B. Umweltmuseum mit Lehrpfaden.
    Aufforstungsmodelle entwickeln und umsetzen
  • Grundlagenforschung im Bereichen des ökologisch/vegetativen Brandschutzes

Langfristige Maßnahmen können sein:

  • Ökologische Landwirtschaft und die Vermarktung der Erzeugnisse auf der Insel
  • Umsetzung der Agenda 2000 ('Nachhaltigkeit')
  • Einführung von Stoffkreisläufen (Mülltrennung, z.B. Kompostierung der organischen Abfälle)

Der Abschlußbericht (voraussichtlich Ende September) soll zum einen eine Hilfe für die Bewohner der Insel und die Behörden vor Ort sein. Zum zweiten werden die Organisatoren und die Wissenschaftler mit diesem Bericht an die EU, sowie Stiftungen und weitere Organisationen herantreten, um so Forschungsvorhaben zu beantragen, damit solchen Bränden in Zukunft vorgebeugt werden kann. Nur so ist eine Fortsetzung der begonnen Arbeiten möglich. In diesem Zusammenhang werden Anregungen und Diskussionsbeiträge begrüßt.


Die Wissenschaftler:

Gerassimos Katsaros M.A.
Institut für Geographie
Robert-Koch-Str.26
48149 Münster
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geographie der WWU-Münster.

Dipl.-Geograph
Matthias Remmert
Ventrup 60
48163 Münster
1989-1991 Ausbildung zum Gärtner, 1991-1997 Studium der Geographie mit der Studienrichtung Landschaftsökologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, 1994 Aus-landsaufenthalt in NO-Griechenland, 1998 Traineeprogramm in den Bereichen Wirtschaftslehre, Qualitätsmanagement und Abfallwirtschaft, 1998-2000 Mitarbeiter im Landschaftsplanungsbüro Bosch & Partner in Herne, seit 2000 freiberuflich tätig in den Bereichen Landschaftsplanung und Gartenplanung

Objekt & Landschaft
Büro für Freiraumgestaltung und Umweltplanung
Dipl.-Ingenieur Landespflege
Jürgen Edenfeld
Am Balkan 8
33379 Rietberg
05244/981782
 

 

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