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REISE UND ERHOLUNG Dienstag, 7. November 2000
Süddeutsche Zeitung Nr. 256 / Seite V2/7
Was vom Feuer übrig blieb Einmalige Hilfsaktion bringt deutsche Wissenschaftler, alte Feuerwehrwagen und vielleicht ein verändertes Umweltdenken auf die griechische Insel Samos
Der Jeep kämpft sich auf der vom Regen ausgespülten Sandstraße den Berg zwischen Kokkári und Avlákia hoch. Während unten an den Stränden auf der Nordseite von Samos noch alles grün ist, kommen wir nach wenigen Minuten durch ein gespenstisches Tal: Der Boden ist schwarz, die Bäume sind verkohlt. Kurz hinter dem Bergdorf der Weinbauern von Vourliótes stehen die ersten ausgebrannten Häuser. Ein zum Blechkloß verschmolzenes Autowrack am Straßenrand, in einigen Häusern ist sogar noch gerußtes Geschirr in der Küche zu erkennen.
Michalis Pholos hat uns hierher gebracht. Er kennt alle Bewohner, denn seine Familie besitzt seit Generationen Weinhänge in den Bergen. 'Die Menschen ganz oben haben alles verloren: ihr Zuhause, ihre Arbeit, vielleicht sogar ihre Zukunft', sagt er. Es herrscht eine unwirkliche Stille. Kein Vogelgezwitscher, kein Rascheln der Blätter. Wir folgen der Sandstraße in das Lazaros-Massiv weiter nach oben. Im Wanderführer ist die Rede von dem immergrünen Laubdach und den schönsten Ausblicken auf die Insel an dieser Stelle. Der Blick ist ein Anderer geworden.
Die Katastrophe begann am Donnerstagnachmittag des 6. Juli mit einem kleinen Feuer weiter oben in der Nähe des Bergortes Mytilini. Nichts ungewöhnliches in den heißen Sommermonaten, die in diesem Jahr mit Rekordtemperaturen von weit mehr als 40 Grad auf Samos selbst die sonnenverrücktesten Touristen in den Schatten trieben. Doch für die Insel im äußersten Osten der Ägäis ist jedes Feuer eine Gefahr, denn sie ist die einzige wirklich noch bewaldete Insel Griechenlands. Verschiedene Kiefernarten, Steineichen und sogar riesige Kastanienbäume prägen die bei Wanderern so beliebten grünen Täler und Berge.
Ein verkohltes Lebenswerk
Doch nun ist vom Wald in der Mitte der Insel nur eine schwarze Kraterlandschaft übrig. Es riecht noch immer verbrannt, manche Hügel zum Meer hin sehen dagegen aus wie Herbstwälder. Wer näher kommt, erkennt, dass es sich um verkrüppelte Baumgerippe handelt, über die das Feuer in Sekundenschnelle hinweg gerast war.
Michalis stoppt den Jeep vor dem nieder gebranntem Kloster Vrontá. Die Auffahrtsallee der großen Zypressen besteht nur noch aus schwarzen Stümpfen, die Grundmauern des aus Steinen bestehenden Gebäudes und seines weißen Innenhofes stehen noch. Er schaut nach rechts, wo man auf dem Hügel darunter nur noch die Reste von einem Wald erkennt. Michalis hat Tränen in den Augen. 'Wir sind hier als Schulkinder jeden Monat zum Ausflug gekommen', sagt der 42-Jährige.
Das im Jahre 1476 erbaute Kloster hat seinen Namen wegen der vielen Gewitter am Berg erhalten. Bisher hatte es allen Naturgewalten getrotzt. Dort lebte nur noch der freundliche Abt Theófilos, der das Kloster 1960 restaurieren ließ. Der alte Mönch, der jeden Tag arbeitete, hatte für die Besucher eine kleine Ausstellung aus alten Gerätschaften der Bauern im Innenhof zusammengestellt. Doch wir finden nur noch verbrannten Schrott und die zusammengestürzten Treppen und Dächer. Dann stoßen wir im dreistöckigen Zellentrakt auf Abt Theófilos. Der alte Mann reinigt angestrengt und sehr langsam angekokelte, wertvolle Schriften. Er schaut nur kurz auf und nickt. Sein Lebenswerk ist in weniger als einer Stunde unter einer mehr als 50 Meter hohen Feuerwalze begraben worden. Noch kann niemand genau ermessen, welche Reichtümer in dem über 500 Jahre alten Kloster ein Raub der Flammen wurden. Nur die Kapelle im Innenhof blieb wie durch ein Wunder unversehrt. Das Chaos am dritten Tag des Feuers muss infernal gewesen sein: Der leichte Wind, der normalerweise aus dem Norden kommt, hatte sich zu einem Orkan aus südlicher Richtung entwickelt und trieb das Feuer über die Berghänge unter dem Profitis Ilias, dem mit 1153 Metern höchsten Berg von Samos Das Militär, Stadtfeuerwehren aus Athen und Löschhubschrauber aus Russland wurden auf die Insel gebracht, doch nur mit einer 'Tourist-Map' ausgestattet, landeten viele Feuerwehrwagen in Gräben, kamen unerfahrene Soldaten in Lebensgefahr. Michalis: 'Für diesen Fall gab es überhaupt keine Planung. Und die einzigen Karten sind falsch, denn das Militär hat immer noch Angst vor einem Einmarsch der Türken. ' Selbst einen gemeinsamen Funkverkehr gab es nach Aussagen von mehreren Dorfbürgermeistern nicht. Und in den Jahren vor dem großen Feuer wechselte die Zuständigkeit für die Wälder zwischen der Forstverwaltung und den freiwilligen Feuerwehren hin und her. Jeder wollte die Zuschüsse aus Athen.
In ganz Griechenland wurden in diesem Sommer mehr als 10 000 Hektar Wald zerstört, rund 250 Häuser sind jetzt unbewohnbar. Auf Satellitenbildern war eine Rauchfahne bis Kreta erkennbar. Auf Samos gab es auch den Tod einer 92-jährigen Bauersfrau mitsamt ihrer Ziegenherde zu beklagen, die von den Flammen eingeschlossen wurde. Zwei Piloten eines Löschflugzeuges ließen im Kampf um die Wälder ihr Leben. Holländische Reiseveranstalter schickten Sondermaschinen zur Evakuierung ihrer Touristen. Diese Rückholaktion stellte sich allerdings später als unnötig heraus: 'Die haben die Urlauber gegen ihren Willen ausgeflogen, die deutschen Touristen wollten sogar an der Feuerfront helfen. Das hat uns alle sehr beeindruckt', sagt der Feuerwehrchef von Samos, Panagiotes Fourlas.
Mehr als 40 000 Deutsche kommen pro Jahr mit Charterflugzeugen. Dazu kommen noch einmal geschätzte 15 000 Individualtouristen und Wanderer. Samos ist unter den griechischen Inseln eine besondere Destination: Schon in der Antike galt die grünste Insel der Ägäis als 'Anthemousa' (also reich an Blumen), 'Dryoussa' (reich an Eichen) und 'Kyparissia' (reich an Zypressen).
Wir fahren auf der Südseite von Samos entlang der Straße nach Pygros. Dort sind vor allem große Olivenbaumplantagen ein Raub der Flammen geworden. Zahlreiche Bauern in Pandrossos oder Spatharéi haben auch ihre kompletten Honigbienen-Anlagen verloren. Wanderer sieht man jetzt hier keine mehr, die kleinen Tavernen in den Dörfern bleiben leer. Und die Olivenbäume werden erst in 20 Jahren wieder tragen können.
Der Verlust auf der immerhin 500 Quadratkilometer großen Insel an der kleinasiatischen Küste ist schwer zu beziffern: Rund ein Drittel des vorher vorhandenen Waldes ist nach Meinung lokaler Politiker verbrannt. Für Naturliebhaber ist der Schaden noch größer: seltene Orchideenarten, Zedern und Eukalyptusbäume, die roten Erdbeerbäume oder die Alpenveilchen sind in großer Zahl vernichtet worden. Im Nordosten allerdings gibt es noch immer intakte Wälder.
www.brandinferno.gr
Als die Feuerwehren abzogen und das Ausmaß der Katastrophe offenbar wurde, standen auch zwei Deutsche aus Hannover zwischen den noch rauchenden Waldresten bei Kokkári. Sie besitzen seit vielen Jahren Häuser auf Samos und brachten in wenigen Tagen eine bis dahin beispiellose Hilfe in Gang: 'Wir lieben Samos und seine Wälder und wir müssen helfen zu verhindern, dass diese Insel bald wie die anderen griechischen Inseln nur noch aus Stein und Macchia besteht', sagt Walter Schöndorf. Zusammen mit seinem Freund Joachim Kopatzki installierte er schon kurze Zeit nach der Feuerkatastrophe eine Internet-Seite (www.samos.de) mit ersten Informationen. Schon nach wenigen Tagen verabredeten sich so im Internet Samos-Urlauber aus allen Bereichen zu einer Rettungsaktion, in deren Folge dann Wissenschaftler der Universität Münster entsandt wurden, um einen Schadensbericht zu erstellen. Sie arbeiten jetzt an einem Antrag für EU-Hilfen und planen ein internationales Wiederaufforstungsprojekt.
Die Zeit drängt auf Samos: Mit den ersten großen Regenschauern in diesem Monat wird auch die Erosion unwiederbringlich die ausgebrannten Hänge abtragen. Die drei Wissenschaftler vom Pangaea-Institut für Geographie der Universität Münster, die auf Vermittlung der beiden Hannoveraner und Dank der Spenden des Reiseveranstalters TUI den Schadensbericht erstellten, nennen als Sofortmaßnahmen vor allem das schnelle Einbringen von querliegenden Bäumen und Lesesteinen in die gefährdeten Hänge, vor allem um Mytilíni und südwestlich vom Flughafen. Doch nicht im ärmeren Süden, sondern im reicheren Norden nahe der Weinfelder gibt es bereits die ersten abgestützten Hänge. Im Süden bisher absolute Fehlanzeige.
'Die kaputten Terrassen müssten sofort ausgebessert werden', erklärt Projektsprecher Kai Pagenkopf vom Pangaea-Institut. Der erste Regen hat in einigen verbrannten Flächen schon wieder grüne Triebe sprießen lassen, doch niemand vertreibt die Ziegenherden von diesen jungen Pflanzen, die damit keine Überlebenschance haben. Gerade die geschützten Schwarzkiefer-Bestände brauchen aber bis zu 120 Jahre, um wieder zu alter Größe zu gelangen. Vorausgesetzt der hohe Grundwasserspiegel, das Geheimnis der grünen Wälder von Samos, wird nun nicht weiter sinken, da der Regen schneller ins Meer gespült wird. Aber auch ausreichendes Kartenmaterial für auswärtige Feuerwehren und die Ausbildung auf der Insel haben die Wissenschaftler als akute Probleme ausgemacht. 'Nur veraltete Löschwagen spenden reicht natürlich nicht. ' Wer die Feuerwehrfahrzeuge mit der alten deutschen Aufschrift mangels einer Halle in der Hauptstraße von Pythagório parken sieht, weiß, das so kein künftiger Großbrand aufgehalten werden kann. Zwar gibt es jetzt mehr Kontrollfahrten, doch zu den Ursachen des Großfeuers vom Juli gibt es noch nicht einmal eine offizielle Untersuchung. Drei Thesen sind wahrscheinlich: Selbstentzündung während der großen Hitze durch Scherben im Gras, unkontrolliertes Verbrennen von Müll oder natürlich mutwillige Brandstiftung. Vielleicht auch alles zusammen.
Die Wissenschaftler sehen die ökologische Probleme für Samos auf lange Sicht immer größer werden: 'Wenn jetzt viele Bergbauern abwandern, weil zu geringe Einkommen erzielt werden, dann hat das fatale Folgen für die Landschaftspflege', warnt Pagenkopf. Wenn man die Natur dort sich selbst überlasse, werden die Hänge bald nur noch eine Steinwüste sein. Zwar ist die Gesetzeslage in Griechenland eindeutig, denn wo es gebrannt hat, darf danach nicht gebaut werden. Doch für die notwendige Wiederaufforstung fehlt das Geld.
In Vino Feuerschutz
Michalis führt uns weiter in höhere Täler des Karvouni-Gebirgszuges, zu den Weinterrassen seiner Eltern. Dort wurde das Feuer gestoppt. Wir kosten die dunklen Muskat-Trauben für den berühmten Samos-Wein, denn die Terrassen sind wider Erwarten grün und voller Trauben. 'Sie sind gut bewässert und brennen nicht so schnell. Dank der Terrassenbauweise haben sie wie natürliche Dämme das Feuer aufgehalten', erklärt Michalis. In der Tat sind die Wälder weiter unten bei Manolates so gerettet worden. Die schönsten Wanderwege der Insel, wie etwa der durch das nahe Nachtigallental oder die Wege im Westen bei Potámi, sind vom Feuer verschont geblieben.
Der Samos-Wein wird hinter Kokkári auf einer Höhe von etwa 800 Metern angebaut. Neben dem Tourismus ist der Weinanbau das zweite Standbein der Insel, noch gibt es rund 4000 Weinbauern. So kommt beispielsweise der Messwein in vielen Kirchen in Süddeutschland und Österreich von Samos. Aber die Arbeit in den Weinterrassen wird für Menschen auf der Insel immer uninteressanter: Die Jugend wandert in die Städte und nach Athen ab, Maschinen sind in den steilen Hängen schwer einzusetzen. Viel Geld ist mit dem Samos-Wein nicht mehr zu verdienen. Michalis hat die Arbeit an den Weinstöcken noch von seinem Vater gelernt und doch arbeitet er jetzt in Samos-Stadt. Würde er heute in den Bergen arbeiten, hieße das auch, viele Monate fernab der Zentren der Insel zu leben.
Nach der Erfahrung des Großfeuers ist sich Michalis sicher, dass zur Wiederaufforstung auch mehr Interesse an den alten Traditionen und 'vielleicht sogar ein Kulturinstitut für die Insel ganz wichtig' wäre. Denn das eventuelle Geld für Renaturierungsprojekte dürfte nicht nur eine kurzlebige Hilfe werden. 'Wenn man Terrassen ausbessert und Bäume pflanzt, dann muss man auch den Schritt weitergehen und den Bauern, die jetzt alles verloren haben, eine Hilfe geben. ' Auf dem Weg zum Flughafen weiß selbst Taxifahrer Dimitri von der schnellen deutschen Hilfe für Samos. Er ist stolz auf den Feuerwehrwagen aus Münsing in Bayern, weil sein Bruder jetzt der Fahrer ist. Aber der griechische Staat habe Samos schon wieder vergessen, die 'wollten nur sofort Steuern für das Kennzeichen kassieren', erregt er sich. Dabei hätten deutsche Feuerwehrleute das Fahrzeug sogar auf eigene Kosten nach Pythagório gefahren. Und auch Dimitri kennt die Insel noch als einen einzigen Wald: 'Es soll ja 20 Jahre dauern, bis alles dort oben wieder gewachsen ist. Solange aber werden bestimmte Leute hier nicht abwarten. ' Und der Südosten von Samos zeigt, wie es auch weitergehen kann: Dort wo große Feuer in den 80er Jahren wüteten, sind nun unterhalb der verkarsteten Steinhänge entlang der Strände von Mykali die ersten Hotelclubs gebaut worden.
Frank Horlbeck
INFORMATIONEN:
Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Str. 22, in 60311 Frankfurt/Main, Tel. 069/23 65 61.
Universität Münster: Pangaea-Institut für Geographie, Robert-Koch-Str. 26, 48149 Münster. Tel. 0251/83-393 50.
www.samos.de und www.samoshilfe.de.
Beste Wanderzeit: Von September bis November und ab April bis zum Sommer. Direktflüge aus Deutschland während der Feriensaison, Olympic Airways fliegt über Athen täglich nach Samos.
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